Heute mal kein youtube Video, heute mal nichts über reinhard Mey, obwohl die Reihe fortgesetzt werden soll. Ein Lied eines anderen Interpreten - ein Lied von Andi Weiss - hat mich gerade tief bewegt, es sprang mich geradezu an und berührte mich so tief, dass mir fasst Tränen in den Augen standen:
Es gibt die Dinge, zu denen du gern stehst, es gibt die Tage, durch die du gerne gehst. Stille Momente, die Ahnung voller Glück, doch dann gibt es auch die Zeiten, da gibt es kein Zurück.
Was ist schon Können? - Das was man an dir mag! Du hörst all das Lob - es prallt nur an dir ab. Würdest gern, so gerne teilen, was andre in dir sehn, es wird Zeit, für dich zu dir zu stehn!
Langsam leben lernen, und nicht unterghehn, mal eben bildlich werden und sich in die Augen sehn. Niemand kann dich vor dir schützen, selbst wenn fremde Fahnen wehn, können Spiegelbilder nützen - Es wird Zeit, für dich zu dir zu stehn.
Im Spiegel siehst du, was man so sieht. So wie du bist, SO bist du geliebt!!! Kein Mensch kann wachsen, wenn er Schlechtes nur versteckt, also halte dir die Treue und halt dich nicht bedeckt!
Schau auf die Siege, und schau auf den Verlust, Zeig deine Freude, und steh zu deinem Frust. Sei dir nicht zu gut - nicht alles muss sich um dich drehn, doch es wird Zeit, für dioch zu dir zu stehn.
Diesen Liedtext möchte ich zunächst unkommentiert lassen.
In der Biografie „Was ich noch zu sagen hätte" von Bernd Schroeder sagt Reinhard Mey über seine Familie: „Wir waren evangelisch getauft, später bin ich aus der Kirche ausgetreten. Meine Eltern waren nicht praktizierend, und sie frömmelten nicht. Das war damals so, man war einfach in der Kirche. Aber es spielte keine Rolle.“ Ich denke, das geht heute auch noch sehr vielen so. Weiter sagt Reinhard Mey im Interview mit dem Biografen Bernd Schroeder: „Wenn ich versuche, menschlich zu sein, wenn ich versuche, brüderlich zu sein, wenn ich versuche zu teilen, dann mache ich das, wenn ich das Bedürfnis von mir aus habe, nicht, um mir damit einen Platz in einem Paradies zu erschleichen oder um irgendeinem Geist oder wem auch immer zu gefallen.“ Ich bin überzeugt davon, dass Reinhard Mey mit dieser Sicht nicht alleine ist. Die Punkband „Die Toten Hosen“ haben ein sehr erfolgreiches Liede produziert mit dem Text: „Ich will nicht ins Paradies, wenn der Weg dorthin so schwierig ist.“ Und wer mit einigermaßen offenen Augen und Ohren durch unser Land und unsere Medienlandschaft geht, der merkt, dass es viele Menschen gibt, die eben genau so denken. Sind daran nicht in erheblichem Maße auch wir Christen selber Schuld? Und ich möchte hier ganz bewusst einmal der Versuchung widerstehen, mit dem Finger tadelnd auf die katholische Kirche und den Vatikan zu zeigen, denn die evangelische Kirche hat mindestens genauso ernsthafte Probleme mit ihrem Image. Mich persönlich macht der Satz von Reinhard Mey sehr betroffen. Dieser Satz macht deutlich: Hier redet ein Mensch, der dadurch daran gehindert wird, Christ zu sein, weil ihm von den Christen selber – und zwar von der evangelischen Kirche - vermittelt wurde, dass man nur in den Himmel kommt, wenn man Gutes tut. Wie erschreckend. Ich persönlich bin der Überzeugung, dass man damit genau das Gegenteil des eigentlichen christlichen Glaubenskerns ausdrückt. Johannes 3, 16 bringt den Kern des Christentums vielleicht in einem einzigen Vers sehr treffend auf einen Punkt:
„Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat.“
Warum kommt von diesem Kern so wenig an in der Öffentlichkeit? Vielleicht liegt es daran, dass wir Christen häufig der Versuchung erliegen, unsere guten Taten in den Mittelpunkt zu stellen und nicht offen zugeben, dass wir eben auch aufgrund unserer Fehler und Schwächen dringend auf diese Liebe Jesu angewiesen sind. Denn mit guten Taten kann ich Jesus nicht beeindrucken. Jesu Liebe ist bedingungslos. Es ist für uns oft nicht nachvollziehbar, aber Jesus liebt den Schwerverbrecher genauso wie den Gemeindepfarrer oder den Kardinal. Und Campino, dem Sänger der Toten Hosen möchte ich auf seinen Liedtext mit dem Zitat Jesu antworten:
„Mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.“
Jesus lädt zur Nachfolge ein, aber er zwingt niemand. „Mein Joch drückt nicht“ , keine Bibelübersetzung drückt das meiner Meinung nach so treffend aus wie die Einheitsübersetzung. Mir fällt dazu das Gleichnis vom verborgenen Schatz und vom Perlenhändler aus Matthäus 13 ein. Vielleicht kommt von uns Christen nur rüber, was wir aufgeben. Der Perlenhändler verkauft alles was er hat. Das macht vielleicht einigen Angst. Aber man kann sich auch „wunderbar“ damit brüsten, als Christ. Schaut nur her, was ich alles aufgegeben habe, um Jesus nachzufolgen. Das ist allerdings keine biblische Haltung. Denn das Gleichnis vom Perlenhändler ist keine Opfergeschichte. Eine befreundete Familie aus meinem Hauskreis ist zur Zeit auf der Suche nach einem Haus oder einem Grundstück. Sie möchten ein Eigenheim erwerben. Und jetzt stelle ich mir vor, denen wird ein absolutes Schnäppchen angeboten. Kein billiges Angebot, es hat durchaus seinen Preis, man wird dafür in Zukunft vielleicht auf manches verzichten müssen, was man sich jetzt noch leisten kann, aber der Wert übersteigt um ein Vielfaches den Preis, der dafür verlangt wird. Und wenn die später erzählen, was sie zu dieser Entscheidung bewogen hat, dann werden die doch in erster Linie von ihrer Freude sprechen, dass sie solch ein Angebot nutzen konnten. Die werden unterstreichen, dass das, was sie bekommen haben viel mehr wert ist als das, was sie investieren mussten.
"Mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht“
Dieser Vergleich hat allerdings eine Schwäche: Ein Haus bezahlt man nicht mal gerade so aus der Portokasse, meistens muss man dazu einen Kredit aufnehmen, man muss sich verschulden. Mit dem Glauben an Jesus Christus ist das anders. Nehmen wir einmal an, dieses Haus, von dem ich in dem Beispiel eben sprach, wäre unbegrenzt vorhanden, wie in einer Siedlung, in der es ganz viele baugleiche Neubauten gibt. Und die erste Familie kommt her, schaut es sich an und ist wie der Perlenhändler im Matthäusevangelium vollends begeistert. Nun fragt man den Verkäufer nach dem Preis und der sagt: Ja, was könnt ihr denn zahlen? Und die sagen: 100.000 wären ok. So einigt man sich auf den Preis. Dieser Händler sitzt nun im Bus und bekommt ein Gespräch eines Ehepaares mit, die von dieser neuen Siedlung gehört haben. Die Frau sagt zu ihrem Mann: „Sicher, das ist eine wunderbare Wohngegend. Vieles, was uns an unserer Umgebung jetzt stört, das gibt es dort einfach nicht. Aber ich möchte mich nicht hoffnungslos verschulden, nur um dort wohnen zu können, denn eigentlich könnten wir uns dort nicht einmal eine Mietwohnung leisten.“ Und der Händler würde zu denen sagen: „Sagen Sie mir, was Sie ehrlich zahlen können. Wissen Sie, dies soll keine hoffnungslose Siedlung sein, sondern sie wurde geschaffen, um zu wachsen und Hoffnung zu spenden. Der Kaufpreis, den Sie mir zahlen, den möchte ich einsetzen, um diese Siedlung weiter aufzubauen und anderen Menschen, vielleicht Menschen wie Ihnen, die sich hier eigentlich kein Grundstück in dieser Siedlung leisten könnten, hierher zu holen." Warum verbauen wir Christen anderen Menschen den Weg in diese „Siedlung“, indem wir nur darüber sprechen, worauf man verzichten muss? Warum sehen viele Christen so aus, als würden sie zum Lachen in den Keller gehen? „Man war einfach in der Kirche. Aber es spielte keine Rolle.“ Heißt es in der Biografie. Das ist so, als würde man sich ein Grundstück in dieser Siedlung kaufen aber dann doch nicht einziehen sondern weiter unter der Brücke schlafen. Sicher kann man so auch durchs Leben kommen, aber man verzichtet auf so vieles. Man ist irgendwie dabei, aber keiner merkt es. Und wenn uns andere ansehen, kämen sie im Traum nicht auf die Idee, dass wir dazu gehören würden. In einem meiner Lieblingslieder heißt es: „
Du siehst, was mich zu dir zieht und auch, was mich von dir noch trennt.“
Vielleicht sollten wir Christen auch offener mit unseren Zweifeln umgehen. Natürlich ist in dieser Siedlung nicht alles eitel Sonnenschein. Auch dort wächst Unkraut in den Blumenbeeten. Auch da entstehen bei einem Erdbeben Risse in den Hauswänden und auch dort kommt es vor, dass Mitbewohner aus unserer Sicht viel zu früh sterben. Ich glaube, diese Siedlung könnte auf Außenstehende viel verlockender wirken und käme gleichzeitig dem biblischen Vorbild einer Gemeinde wesentlich näher, wenn es in dieser Siedlung keine Einsamkeit und keine Ausgrenzung gäbe. Niemand würde wegen eines Fehlers ausgeschlossen und umgekehrt stünde niemand besser da, nur weil er – zumindest augenscheinlich – besonders viel geleistet hat.
"Der Mensch urteilt nach dem, was er sieht, doch der Herr sieht ins Herz.“
Ich weiß nicht, ob Reinhard Mey diesen Vers aus dem Buch Samuel kennt. Vielleicht könnte dieser und andere Verse ein Schlüssel sein, um ganz neu zu entdecken, was das Christentum wirklich ausmacht. Wenn die Frau aus dem Dialog oben (meistens sind es ja doch die Frauen, die Bedenken haben, weil Männer zumindest dem Klischee zu folgen eher ihr Können überschätzen) der Meinung ist, es reicht einfach nicht, um in der Siedlung mit dabei zu sein, muss das nicht nur finanzielle Gründe haben. Mir ist vor zwei Wochen der nicht ganz ernst gemeinte Spruch begegnet: „Ich bin nicht versaut, ich bin nur moralisch flexibel.“ Wer ein Haus baut, der ist gut beraten, auf ein standhaftes Fundament zu setzen, da tut Flexibilität wirklich nicht gut. Es ist gut zu wissen, dass unser christliches Fundament solch starke Wurzeln hat. Diese Wurzeln sind so stark, dass sie nicht einmal durch Tod, nicht einmal durch schlimmste Folter zu erschüttern sind. Gleichzeitig sind sie aber auch unglaublich anpassungsfähig. Welcher König wäre schon bereit, seinen Thron gegen eine stinkende und kalte Futterkrippe einzutauschen? Sowas macht man nicht, jedenfalls nicht, wenn man als König etwas auf sich hält. Jesus ist da anders. Er möchte den Weg bahnen hin zu seinem Königreich. Und deshalb kommt er zu uns hinunter, auch zu mir. Ja, er sieht, was mich zu ihm zieht und er sieht auch, was mich (noch) von ihm trennt. Und genau dafür ist er ja gekommen. Die Wohnungen in der Siedlung sind sozusagen nicht barrierefrei, jedenfalls ursprünglich nicht.
„Niemand kommt zum Vater, denn durch mich“
– also durch eigene Leistung kann ich mir ein Wohnrecht in dieser Siedlung nicht verdienen. Auch nicht dadurch, dass ich auf Unrecht verzichte. Da ist quasi ein Graben und Jesus Christus ist die Brücke. Mich faszinieren Burgen (auch wenn ich den Aufstieg und die damit verbundenen Strapazen eher verabscheue) und wenn ich es bei einer Burg auch schaffen würde, durch den Graben zu schwimmen, würde mir das wenig bringen, denn Zugang, eine Tür in der Mauer, ist nur an der Stelle, an der auch die Zugbrücke angebracht ist. Sicher, ich kann es aus eigener Kraft schaffen, durch den Graben zu schwimmen, aber ohne, dass mir Jesus die Tür öffnet, stehe ich nach dem Schwimmen durch den Graben vor einer unüberwindbaren Mauer. Genau diese Mauer ist es, die Reinhard Mey und Campino oben beschreiben. Wir Christen sollten eigentlich den Weg zur Zugbrücke weisen. Matthäus 7 Vers 13 weist uns den Weg dorthin:
„Geht durch das Enge Tor!“ (die Zugbrücke) „denn das weite Tor und der breite Weg (Wassergraben) führen ins Verderben und viele sind auf diesem Weg.“
Viele sind auf diesem Weg. Viele denken, Christentum bedeutet, sich sein Heil selber zu verdienen. Es ist unsere Aufgabe als Christen, mit diesem Missverständnis aufzuräumen. Reinhard Mey hat viele wunderschöne Lieder geschrieben. Mein absolutes Lieblingslied von ihm lautet: Ich glaube nicht“ Und es beginnt mit den Worten: „Ich glaube nicht“ und endet mit den Worten: „Ja ich glaube“.
Ich finde, das ist eine wunderbare Perspektive. Wir Christen sollten jeden Tag aufs Neue aufpassen, dass wir nicht zur Mauer der Burg werden
Ich weiß nicht, wie es Euch so geht, ich komme mir in letzter Zeit gar nicht wie ein Riese vor. Ich fühle mich oft hoffnungslos überfordert und Dinge, die ich mir vorgenommen habe, die für mich auch durchaus wichtig sind, schaffe ich einfach nicht, weil mein Akku leer ist. Doch genau in solch einer Situation kann dieses Lied meines Lieblingsliedermachers große Hoffnung geben. Zuletzt war dieses Blog relativ inaktiv, jetzt möchte ich eine kleine "Reinhard Mey" Serie starten.
Ich bin 33 und interessiere mich besonders für Musik und alles, was Menschen zum Lachen bringt.
Die Wurst auf meinen Brötchen verdiene ich mir als Linienbusfahrer in Hannover, der grünsten Großstadt Deutschlands